Gott – so nah und doch so fern

So viele innig betende Menschen – das war als ich die Kirche am Ort von Marienerscheinungen besuchte. Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn ich war in erster Linie zum Sightseeing unterwegs. Ebenfalls gut besucht war die Kirche an einem Marienwallfahrtsort. Die meisten der Messteilnehmer waren Ansässige, alle in der Sonntagstracht gekleidet. Mit meinem Rucksack und Freizeitjacke war ich leicht als Tourist erkennbar. Auch in Wien sind manche Kirchen gut gesucht, nach meinen Beobachtungen je nach Kirche und Uhrzeit kommen einfache oder besser bekleidete Personen. Ich denke, manche kommen, weil sie etwas erwarten, und manche kommen aus Tradition.

Auf der anderen Seite ist jedoch zu hören, dass die Anzahl der Kirchenbesucher sinkt und deren Altersdurchschnitt steigt. Die Menschen scheinen, das was sie von der Kirche erwarten, nicht zu erhalten. Und der Alltag ist auch weitgehend “gottesfrei”. Gott ist dort nur mehr anwesend in einem “Grüss Gott”. Und da bin ich mir auch nicht sicher, ob diesen Gruss jeder so hören will, vor allem von denen, deren ideologische Ansicht keine Religion zulässt. Oft erhalte ich auf meinen Gruss ein “(Guten) Tag” zurück. Aber auch diesen Personen entkommt dann doch hin und wieder ein “Gott sei Dank”.

In unserer aufgeklärten Welt ergibt sich durch unser Denken konsequenterweise, dass Gott nicht, nicht direkt, festgestellt werden kann. Aber als Gläubige glauben wir ja an Gott. Und wir lassen diesen Glauben auch leben. Wir danken Gott für die vielen Segnungen in unserem Leben und besuchen die Gottesdienste. Spätestens jedoch in Momenten der Verzweiflung stellen wir fest, dass der Gott nicht da ist, und dass wir mit dem Leiden allein sind.

Wie kann man mit dieser Gottesferne umgehen? Zum einen soll man sich über seinen Glauben an Gott klar werden. Was ist Gott? “Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde”. Dieser Satz enthält ganz wichtige Aussagen. Nämlich, dass es einen Schöpfer gibt, der alles erschaffen hat, und nicht einen Zufall, aus dem etwas geworden ist und aus dem vielleicht wieder alles verschwindet. Dieser Schöpfer ist der Ur-Vater, es könnte hier auch Ur-Mutter heissen, also eine Person, ein Wille. Dass Gott nicht direkt greifbar ist, ist unsere Erfahrung. Aber es gibt Spuren, die auf Gott hinweisen, sogar auf seine Gegenwart.

Wir können uns kein direktes Bild von Gott machen. Jede Beschreibung wäre mehr falsch oder irreführend als richtig. Darum müssen wir die Erfahrungen heranziehen, von denen wir glauben, dass sich darin Gott offenbart hat. Als Christen glauben wir an die Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Glauben heisst, dass war darauf vertrauen und unser Leben darauf aufbauen. Vertrauen heisst aber auch, dass wir diese Basis auch immer wieder hinterfragen dürfen.

Ich glaube, dass uns Gott die Weisheit, unser Leben so zu führen, wie es von Gott gewollt ist, in die Wiege gelegt hat – also in den Hausverstand oder Gesunden Menschenverstand. Gott würde vielleicht auf die Frage, wie man am besten zu leben hat, antworten: “Each according to his gifts.” (Jeder nach seinen Möglichkeiten).

Die christliche Theologie trägt in der Nachfolge Jesu Christi vieles zur Gestaltung des Lebens bei. Das sind Wege, die uns zu Gott hinführen können und wo wir Spuren Gottes erkennen können. – OK, das war jetzt sehr allgemein.

Folgende Quellen haben mich zu diesen Gedanken geleitet:

Artikel von Hildegund Keul, Gottes Ferne – die Unbegreiflichkeit seiner lebensstiftenden Nähe, 2009.
http://www.ktu-linz.ac.at/thpq/2009/quartal_03/238-244%20Keul%20ThPQ%203_2009s.pdf
vom 2011-11-08

Sendung Logos im ORF vom 2011-11-05 mit einem Beitrag zum Buch von Hans-Joachim Höhn, Der Fremde Gott, Würzburg 2008.

Zitate aus dem o. a. Artikel:

Der christliche Gedächtniskultur lädt dazu ein, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen, indem man die vorhandenen Lebensressourcen miteinander teilt. …
Der christliche Glaube besagt, dass die Lebensmacht der Auferstehung am Werk ist, wenn Menschen in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung tragfähige Zeichen der Hoffnung erfahren oder selbst setzen.

Zitat aus einem Waka poem of Emperor Meiji:

You have a right pure soul if you have nothing to be ashamed of in front of God, whom you cannot see, who knows you all.

(Interessant, dass gerade aus Japan diese Sicht zu Gott kommt. Nämlich: Gott ist der Massstab – und nicht die anderen.)

Advertisements
This entry was posted in Religion. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s